Sandra und Björn

Man sollte niemals nie sagen… Nie heiraten. Nie Kinder.  Hausgeburt? Nichts für mich.

 

Am 03.06.2011 um 15:48 Uhr kam unser kleiner Puck in einer Hausgeburt zur Welt, und es war die

beste Entscheidung meines Lebens – nach Hochzeit und der fürs Kinderkriegen.

Ich hatte die üblichen Vorurteile, allen voran – kann ich jemals wieder ohne schlechte Gedanken in

meinem Bett liegen, nachdem ich darin ein Kind zur Welt gebracht hab, und – wer macht denn

hinterher die Sauerei weg?

 

Aber so richtige Gedanken macht man sich über das Thema vor einer eigenen Schwangerschaft nicht.

Als uninformierter Durchschnittsbürger kennt man Geburten nur aus Erzählungen von Freunden und

aus wenig mutmachenden Szenen aus dem Fernsehen. Und die finden halt in Krankenhäusern statt.

 

Nun war ich aber schwanger, und mir war klar, realistische Darstellung oder nicht, so wie im

Fernsehen sollte die Geburt meines Kindes nicht ablaufen.

 

Nach abendelangen Recherchen im Internet stolperte ich über das Buch „Mutterwerden ohne

Schmerz – Die natürliche Geburt“ von Grantly Dick-Read. Man höre und staune, dieses Buch erschien

in erster Auflage 1950. Ich war äußerst verwundert, dass sich das nicht rumgesprochen hatte und

recherchierte weiter. Damit kam ich zu Marie F. Mongan und dem Hypnobirthing. Grundgedanke

beider Autoren: wer entspannt ist, kann sein Kind leichter, schmerzärmer und vor allen Dingen auf

natürlichem Wege gebären.

 

Es folgte ein Hypnobirthing-Kurs und die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema. Unsere

Kursleiterin empfahl uns, uns Geburtsbegleiter zu suchen, die sich mit Hypnobirthing auskennen bzw.

es akzeptieren würden, dass wir keine Medikamente und Standardprozeduren wollten. Da gingen

meine Überlegungen schon in Richtung hebammengeleitete Geburt oder Geburtshaus. Aber quer

durch die Stadt nach Harburg oder Altona? Der berechtigte Einwand war: wenn ihr ins Geburtshaus

geht, könnt ihr auch gleich eine Hausgeburt planen…

 

Also begann ich, mich von den Standard-Contras frei und mich mit den wenig bekannten Pros

vertraut zu machen. Die tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema überraschte mich sehr positiv.

Und somit überraschte ich mein Umfeld mit meiner Entscheidung für eine Hausgeburt – den Großteil

natürlich nicht positiv.

 

Auch mein Mann war anfangs etwas skeptisch, da ich die Recherchen natürlich allein betrieben hatte

und er meinem Informationsstand etwas hinterherhinkte. Aber auch er war nach kurzer

Auseinandersetzung mit den Fakten schnell überzeugt, dass eine Hausgeburt für uns das Richtige ist.

Schließlich wusste er vorher, dass seine Frau selten den am besten ausgetretenen Weg wählt!

So kamen wir zu unseren Hausgeburtshebammen Gabriele Langer-Grandt und Nilufar Zand. Und mit

der Entscheidung begann der wirklich entspannte Teil meiner Schwangerschaft. Für die

Vorsorgeuntersuchungen kamen die Hebammen zu uns nach Hause! Außerdem fanden intensive

Gespräche statt, in denen man sich gut kennenlernte und geklärt wurde, wie die Geburt gestaltet

werden sollte und welche Wünsche wir hatten. Aus dem Hypnobirthingkurs hatten wir ganze Listen

mit Hinweisen, was mit einem Krankenhaus vorab zu klären wäre und worauf man das

geburtsbegleitende Personal hinweisen sollte, was man NICHT will (Medikamente, CTG, ungefragte

Untersuchungen, Dammschnitt, PDA, etc.). Diese waren glücklicherweise unnötig, da in der

Hausgeburtshilfe sowieso unüblich.

 

In unserem Umfeld stießen wir auf die unterschiedlichsten Reaktionen, aber die Verbreitetesten

waren Überraschung sowie Sorge und Angst.

Ich war verwundert und verärgert, wie sehr rund um das Thema Geburt mit der Angst der

werdenden Eltern gespielt wird. Immer und überall wird auf die vermeintliche Sicherheit von

Geburtskliniken hingewiesen. Mein Frauenarzt sagte auf meine Aussage, ich würde eine Hausgeburt

planen, wortwörtlich zu mir:

„Bei einer Geburt geht es um Leben und Tod! Ich halte es für absolut unverantwortlich, wenn Sie sich

nicht in die Sicherheit einer Klinik begeben!“

Ich dachte mir: welche Sicherheit bringt mir unterbesetztes, überfordertes Klinikpersonal? Zumindest

die 30%ige Wahrscheinlichkeit, mit einem Kaiserschnitt auf dem OP-Tisch zu enden. Was für

Aussichten!

 

Da sah ich in der Hausgeburt doch ganz andere Sicherheiten: eine eins-zu-eins-Betreuung für die

gesamte Zeit der Geburt durch eine vertraute Person mit höchster fachlicher Kompetenz.

 

Aber irgendwann waren mir die Fragen: „Hausgeburt? Hast Du da keine Angst?“ zu doof und ich

antwortete nur noch wahrheitsgemäß: „Nein, ich habe Angst vor Krankenhäusern.“ Innerhalb der

Familie erreichten wir zwar bis zum Schluss kein echtes Verständnis, aber doch Akzeptanz unserer

Entscheidung.

 

Der errechnete Stichtag kam und verstrich ohne besondere Vorkommnisse. Hier zeigte sich ein

positiver Nebeneffekt der persönlichen Betreuung: keine ständigen Besuche beim Frauenarzt im

Mutterschutz, keine langwierigen CTG-Sitzungen, keine Besuche im Krankenhaus alle zwei Tage nach

dem der Stichtag verstrichen war.

Dafür ab 4 Wochen vor der Geburt eine Rufnummer, unter der die bereitschafthabende Hebamme

rund um die Uhr erreichbar ist. 24 Stunden Sicherheit, sofort jemanden zu erreichen!

 

Himmelfahrt-Abend kam es dann dazu, dass wir die Rufnummer zum ersten Mal wählten. Die Wehen

hatten am Morgen begonnen, eine Regelmäßigkeit einzunehmen, ein Bad morgens um 5 Uhr hatte

sie auch nicht wieder abklingen lassen, und wir informierten Gabriele, dass wir in der Nacht

womöglich ihre Hilfe benötigen würden.

Den sonnigen Tag verbrachten wir damit, uns auf die Ankunft unseres neuen Familienmitglieds

vorzubereiten. Der vorher schon getestete und für gut befundene Geburtspool wurde im

Wohnzimmer aufgestellt und Luft nachgefüllt, wir gingen durch, ob alle zu treffenden

Vorbereitungen erledigt waren. Die Wehen waren dank der Vorbereitung gut auszuhalten.

Abends saßen wir bei Oma und Opa in spe auf dem Balkon und ließen uns mit Gegrilltem versorgen.

Die Wehen veratmete ich alle 5 Min. über das gerade in Sanierung befindliche Balkongeländer

gebeugt.

Gegen Mitternacht stieg ich in den nun befüllten Pool und freute mich über die entspannende

Wirkung des warmen Wassers. Leider stellten wir recht bald fest, dass der Pool an der

Hauptschweißstelle ein Luftleck hatte. Das ließ sich mit Klebeband vorerst abdichten. Während der

gesamten Zeit unterstützte mein Mann mich mit den gemeinsam gelernten Entspannungstechniken

und es spielte sanfte Musik. Es herrschte eine ruhige, harmonische Atmosphäre ohne Stress und

Sorgen. Morgens gegen 4 Uhr waren wir aber an einem Punkt, an dem wir keinen Fortschritt im

Geburtsvorgang mehr sahen und uns entschieden, nun auf Gabrieles Erfahrung zurückzugreifen.

Innerhalb einer halben Stunde war sie bei uns. Als erstes kam ich aus dem Pool, denn trotz dem die

Wehen noch regelmäßig kamen, hatten sich die Abstände eher verlängert. Da ich nun seit 24

Stunden mehr oder weniger wach war, war ich sehr dankbar dafür, dass mich jemand Erfahrenes an

die Hand nahm.

 

Mit diversen Lageänderungen brachten wir den Geburtsvorgang wieder etwas in Schwung. Eine

Wehe auf der linken Seite liegend, eine auf der rechten. Als Gabriele vorschlug, ich solle doch noch

mal zur Entspannung in den Pool gehen, war der ganz schön zusammengefallen, aber etwas Luft und

heißes Wasser machten ihn wieder startklar. Doch kaum hatte ich es mir im warmen Wasser

gemütlich gemacht, gab es ein lautes Zischen und der inzwischen recht große Tape-Flicken löste sich

vom mehrere Zentimeter langen Riss. Während Gabriele im Eiltempo die zum Glück vorhandene

Badewanne befüllte, saß mein Mann vor dem Pool, ein Fuß auf der Flickstelle, eine Hand an der

Elektropumpe, um den Druck einigermaßen aufrecht zu halten und die andere am Telefon, um

meinen Vater mit der Wasserpumpe herbeizurufen.

Während ich in die Badewanne umzog, verhinderten die beiden gerade noch, dass sich 300l Wasser

in unserem Wohnzimmer verteilten.

 

Dieser ungeplante Stressfaktor war natürlich für das Voranschreiten der Geburt nicht gerade

förderlich, aber zum Glück hatte ich Gabriele da, die mich in die Badewanne begleitete und mich

umsorgte.

Zwischen den Wehen wurden immer wieder die Herztöne des Babys mittels eines kleinen Mikrofons

an meinem Bauch überprüft. Die kamen immer kräftig und gleichmäßig, und ich war froh, die ganzen

Stunden nicht mit einem CTG-Gerät am Bauch verbracht haben zu müssen.

Da es nun schon irgendwas gegen 9 Uhr am Freitagmorgen war und jetzt normalerweise die

Übergabe des Bereitschaftshandys an Nilufar anstand, kam Nilufar stattdessen zu unserer Geburt

hinzu, um diese von Gabriele zu übernehmen.

Dies musste wohl so kommen, den im Vorhinein hatten sie zu mir gesagt: „ Die meisten Frauen

entscheiden sich während der Vorsorge dafür, bei wem sie ihr Kind gern bekommen würden, und in

der Bereitschaftswoche passiert es dann meist auch.“ Diese Entscheidung hatte ich für mich nicht

treffen können, sie waren mir beide gleich lieb geworden, also bekam ich mein Kind einfach bei

beiden!

 

Während ich also noch in der Wanne lag, hatte ich plötzlich zwei Hebammen zur Verfügung.

Die Hormone hielten zwar meine Kräfte einigermaßen beieinander, aber mein armer Mann war ohne

die körpereigenen Drogen schon ganz schön am Ende. So hatte er zumindest mal kurz die Chance für

einen Kaffee. Meine Versorgung war auch immer bestens seinerseits abgedeckt: Wasser mit

Strohhalm, geschnittener Apfel, die gute vorgekochte Brühe.

Nilufar und Gabriele halfen mir aus der Wanne, und nachdem ich noch ein Aufbaupülverchen für die

Kräfte bekommen hatte, verabschiedete sich Gabriele gegen 11 Uhr.

Ab diesem Zeitpunkt verschwimmt bei mir etwas die Erinnerung, denn jetzt war ich wirklich auf die

ganze Unterstützung durch Nilufar und meinen Mann angewiesen. Ich befand mich in einem

tranceartigen Zustand und überließ meinem Körper die Arbeit. Die meiste Zeit verbrachte ich

stehend an unseren Wäscheschrank gelehnt. Bei jeder Wehe „erdete“ mich mein Mann, in dem er

meine Fersen am Boden hielt. Nilufar kümmerte sich um meinen sich inzwischen ziemlich

verspannenden unteren Rücken.

 

Trotz der ganzen Geburtsarbeit der vielen vergangenen Stunden wollte sich das Köpfchen nicht so

richtig ins Becken einstellen und der Muttermund öffnete sich nicht gänzlich.

Wohl so gegen 14.30 Uhr sprach Nilufar die alles entscheidenden Worte: „Sandra, eine Stunde gebe

ich Dir noch, wenn das Kind dann nicht da ist, verlegen wir Dich in Ruhe ins Krankenhaus, dort

bekommst Du eine PDA und dann ist es ganz schnell vorbei.“

Das war für mich der Startschuss, die letzten Kräfte noch mal zu mobilisieren. Ich hatte mich doch

nicht über 30 Stunden zuhause durch die Geburtsphasen gearbeitet, um mein Kind dann doch im

Krankenhaus zu bekommen! PDA! Rote Alarmglocke!!

 

Ich kniete im Vierfüßler auf dem Boden und machte „Kuh-Katze“, abwechselnd ein Hohlkreuz und

einen Buckel, um das Köpfchen die letzten Zentimeter ins Becken zu bewegen. Und siehe da, es

zeigte Wirkung. Trotz all der Anstrengungen auch fürs Baby waren seine Herztöne weiterhin kräftig

und regelmäßig. Wir zogen wieder ins Badezimmer um, auf den Gebärhocker, meinen Mann als

Stütze hinter mir. Ich arbeitete mit den nun einsetzenden Presswehen, und bald war das Köpfchen

mit den feuchten Haaren darauf tatsächlich zu spüren. Mit jeder Wehe ein Stückchen mehr. Auch

wenn ich im Hypnobirthing gelernt hatte, nicht zu pressen, sondern das Kind nach unten zu atmen,

ich konnte gar nicht anders. Ich stellte mich ans Waschbecken und stützte mich mit den Unterarmen

ab. Jetzt war der Kopf schon ganz eindeutig in der Scheidenöffnung zu sehen und Nilufar sagte: „2

oder 3 Wehen noch, dann ist er da!“

Doch mit der nächsten Wehe tat ich einen finalen Schrei der Anstrengung und unser Baby war

geboren, der Kopf kam vollständig hervor und der Rest des Körpers flutschte sofort hinterher. Nilufar

fing ihn auf, unser kleines, erst mal graublaues Bündel.

Ich setzte mich auf den Geburtshocker zurück, meinen Mann hinter mir, und wir bekamen unser

kleines Wunder in den Arm.

Ich glaube, Nilufar legte unser Bett mit Unterlagen aus, denn irgendwie schafften wir drei es dorthin.

Dort hatten wir erst mal Zeit für uns, während Nilufar schon mal die gröbsten Spuren der Geburt im

Bad beseitigte.

Unser kleiner Puck bekam innerhalb kürzester Zeit eine gesunde Hautfarbe. Auch bei der

Erstuntersuchung war alles bestens. Er war sogar noch so fit, dass er recht bald einen ersten,

zaghaften Schluck aus Mamas Brust zu sich nehmen konnte. Was allerdings lange auf sich warten

ließ, war die Nachgeburt. Als nach fast 2 Stunden trotz Nachwehen, Pressen, etc. noch nichts passiert

war, durfte zuerst Papa die Nabelschnur durchschneiden. Dann gab mir Nilufar eine Oxitocin-Spritze,

das natürliche Hormon, welches normalerweise für die Auslösung der Nachgeburt verantwortlich ist.

Kurz darauf war dann auch die Nachgeburt da. Das Versorgen der Geburtsverletzungen war dank

mehrstufiger Betäubung und rücksichtsvoller Behandlung zwar kein Spaß, aber aushaltbar.

All dies fand in unserem Bett statt und der kleine Puck war die ganze Zeit bei Mama oder Papa auf

dem Arm. Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, einen kleinen Erdenbürger zu begrüßen und

kennenzulernen!

 

Als alle „Formalitäten“ erledigt waren, begleitete mich Nilufar auf die Toilette und half mir bei der

Dusche. Das Bad hatte sie so ganz zwischendurch auch schon einer Komplettreinigung unterzogen!

So frisch, wie man nach dem eben Erlebten sein kann, durften nun auch Oma und Opa endlich ihren

ersten Enkel in Augenschein nehmen. Dank der Hausgeburt hatten sie sogar seinen ersten Schrei

gehört, welche Großeltern können das schon von sich behaupten?

Das einmalige Ereignis wurde mit einem Schluck Champagner begossen, und gegen 20:30 Uhr

verabschiedete sich Nilufar.

 

Auch für die nachfolgende Wochenbettbetreuung kann ich nur meinen tiefsten Dank aussprechen,

denn neben der warmherzigen Betreuung und den ganzen guten Tipps wurde auch für meine

spezielle Situation einer folgenden, schweren Gebärmutterentzündung die optimale Behandlung

gefunden. Ich kam ohne schulmedizinische Medikamente aus, konnte weiterhin mit meinem

Neugeborenen zuhause bleiben und ohne Einschränkungen stillen.

 

Abschließend kann ich nur sagen, dass für uns die Hausgeburt der optimale Weg war. Keine andere

Einrichtung hätte mir über so viele Stunden eine 1-zu-1-Betreuung gewährleisten können,

geschweige denn meine Entscheidung akzeptiert, mein Kind ohne Medikamenteneinfluss oder

medizinische Eingriffe zur Welt zu bringen.

 

Ich hoffe, dass sich in Zukunft weiterhin und wieder mehr Frauen darauf besinnen, dass

Kinderkriegen etwas Natürliches und keine Krankheit ist, sich auf ihren Körper und ihre eigenen

Fähigkeiten verlassen, ein Kind zu gebären und sich für eine Hausgeburt entscheiden.

Nach oben