Jana und Björn

Geburtsbericht

Nachdem es bei meinem ersten Kind nach einer Einleitung zum sekundären Kaiserschnitt kam, obwohl ich mir insgeheim eine Hausgeburt gewünscht hatte, war die Entscheidung es diesmal anders zu machen, schnell auf dem Tisch als ich das zweite Mal schwanger war.

Die Schwangerschaft verlief wie die erste komplikationslos. Dieses Mal nahm ich mir aber mehr Zeit für mich und das werdende Kind. Ich ging regelmäßig ins Yoga und zum Schwimmen, achtete auf meine Ernährung und darauf dass ich nicht zu unbeweglich wurde. Der Hinweis von Gabriele am Anfang der Schwangerschaft, dass eine Geburt neben allem anderen auch eine außerordentlich Anstrengung bedeutet, nahm ich ernst und versuchte meine Fitness zu erhalten, bzw. zu verbessern. Einen Marathon würde man ja auch nicht ohne Training versuchen.

Zwei Wochen vor dem Termin hatte Gabriele Rufbereitschaft und das Baby lag schon sehr tief im Becken. Als dann die Rufbereitschaft zu Nilufar wechselte war klar das wir zusammen die Geburt machen würden.

Der errechnete Termin ging vorüber und ich hatte Sorgen, dass es wieder zu einer Übertragung kommen würde.Aber Nilufar beruhigte mich und meinte „sie (ich wusste, dass es ein Mädchen wird) wartet auf schlechtes Wetter. So lange die Sonne scheint kommt sie nicht raus.“ Der erste Tag Regen brachte nichts. Am zweiten Tag Regen hatte ich mir fest vorgenommen einen Kuchen zu backen, aber ich kam nicht dazu, weil ich mich nach einem langen Spaziergang am Vormittag nachmittags noch mal hinlegte und eine Runde schlief.

Sohn und Mann waren beim Kinderturnen und wir hatten gerade zu Abend gegessen. Ich telefonierte mit einer Freundin. Nachdem ich aufgelegt und vom Sofa aufgestanden war merkte ich, das was pladdert, ich verliere Flüssigkeit. Ich suche das Lackmuspapier und mache einen Test. Ich bin mir nicht sicher, ob es Fruchtwasser ist. Das Papier verfärbt sich etwas, aber vielleicht wird es auch einfach dunkler, weil es feucht wird? Ich laufe noch ein bisschen hin und her, es kommt mehr und ich mache noch einen Lackmustest. Ich gehe zu meinem Mann und sage ich glaube die Fruchtblase ist gesprungen. Wir lächeln uns an, ich bleibe ruhig, aber es kommt auch so ein Gefühl, uiuiui jetzt gehts los.

Ich rufe Nilufar an, Nilufar, ich glaube ich habe einen Blasensprung gehabt. Wir sprechen ein bisschen, während des Telefonierens kommt noch ein Schwapp. Ich frage Nilufar, ob wir meinen Sohn zur Oma bringen sollen und sie meint, vielleicht, er könnte jetzt aber auch schlafen gehen. Da hake ich ein, nein, dass ist mir jetzt genau recht, dass wir ihn bringen können. Er ist noch nicht im Schlafanzug und wir haben dann freie Bahn. Ich rufe die Oma an und sage dass wir jetzt kommen. Wir packen eine Ikea Tasche mit Spielzeug zusammen und einen Schokoladenkuchen, den er mit zur Oma nehmen darf. Mein Sohn findet es erst blöd und lässt sich dann aber umstimmen. Ich packe mir ein Küchenhandtuch zwischen die Beine und nehme noch vier weitere mit, weil immer wieder Fruchtwasser läuft. Wir gehen zum Auto, das in der Einfahrt steht und genau in dem Moment kommen unsere Nachbarn nach Hause. Sie halten kurz an und sagen guten Abend. Mein Sohn verkündet stolz dass die Geburt jetzt losgeht und das er zur Oma fährt, weil das dann ja zu laut ist. Alle lachen.

Wir steigen ein und auf dem Hinweg sitze ich hinten neben ihm. Wir singen grün grün grün sind alle meine Kleider. Bei der Oma angekommen klingeln wir. Die Tür geht auf und der Sohn stürmt rein. Wir machen eine kurze Übergabe, dann fahren wir auch schon wieder. Ich habe noch das Gefühl, dass ich mich gar nicht richtig von meinem Sohn verabschiedet habe. Ich bin schon dabei abzutauchen.

Auf dem Rückweg tauchen die ersten Wehen auf und zwirbeln mich ein bisschen. Ich sage lachend zu meinem Mann, ach so ist das, das sind also Wehen, wir schauen auf die Uhr im Auto. Der Abstand beträgt drei Minuten. Wir halten noch bei der Tankstelle und kaufen süße Getränke und Schokolade. Dann parken wir. wo das weiss ich nicht mehr.

Zurück in der Wohnung fangen wir an aufzuräumen und vorzubereiten. Mein Mann macht Musik an, nein bitte keine Musik. Relativ bald kommen die Wehen sehr häufig. Ich schnappe mir mein Handy und versuche mithilfe der Stoppuhr zu messen wie lange die Wehen sind und wie lange die Pausen dauern. Die Wehen sind 50 Sekunden lang und die Pausen dauern eine Minute. wenn eine Wehe kommt lehne ich mich mit dem Kopf an das Kleiderregal, atme und bewege das Becken. Die Augen sind zu ich versenke mich. Es riecht nach frisch gekochtem Espresso. Ich kann nicht mehr viel helfen und mein Mann bereitet alles vor. Der Pool wird noch mal stärker aufgeblasen ich sage ihm er muss noch mehr Luft reinblasen. Er befestigt den Wasserschlauch am Pool und beginnt das Wasser einzulassen. Dann kocht er den Kaffee und füllt ihn in die Familien-Kaffeethermoskanne.

Ich stehe am Kleiderregal und veratme die Wehen. Einmal versuche ich mich über den Ball zu lehnen und finde das sehr unangenehm. Mein Mann macht mir die Hypnose-CD an, das hinlegen geht nicht mehr, aber ich höre sie einmal durch, oder zweimal? Mein Mann schreibt auch mal Wehen auf. Aber mit der Stoppuhr nicht mit der Uhr schade, ein Zeitpunkt in dem Ganzen. Können wir das Licht ausmachen, dunkler. Drückt er mir schon am Kleiderregal mit den Händen den Rücken?

So gegen 23 Uhr rufen wir Nilufar an und ich spreche mit ihr, ich finde die Wehen kommen ganz schön oft. Sie meint, dann geh doch jetzt mal ins Wasser und schau ob es wieder aufhört oder ob es dich entspannt.

Also ziehe ich mich aus und setze mich ins Wasser. Ich habe die Augen zu, in den Wehenpausen bin ich still und sitze seitlich, wenn eine Wehe kommt knie ich mich aufrecht hin, die Arme seitlich, halte mich an den Griffen fest. und mein Mann drückt mit seinen schönen warmen großen Händen hinten aufs Steißbein, Kreuzbein, in dieser Position – das ist wie ein Gleichgewicht der Kräfte. Zwischendrin denke ich wie gut das ich das nicht nochmal machen muss. Ich brauche was zu trinken.

Irgendwann fange ich an zu tönen. Es ist kein Entschluss oder doch? Das Tönen ist wie eine Schnur entlang der ich mich durch die Wehe bewege. Tatsächlich ist es eine Bewegung hindurch, im Körper ist es eher statisch, ich fühle eine Kraft und von hinten kommt die Gegenkraft von meinem Mann und die Zeit wird aber durch das Tönen vermessen, damit findet es ein Anfang und ein Ende.  Die Wehen sind viel kürzer als das Armkreisen im Yoga.

Seitlich ausruhen ist ok, ganz am Anfang versuche ich während der Wehen andere Positionen aber weder liegend noch nach vorne gewandt ist gut, einzig und allein die Senkrechte geht für mich. Bitte die Wasserflasche, ich trinke mindestens vier Liter in dieser Nacht. Es ist anstrengend. Die Wehen kommen regelmäßig. Irgendwann finde ich es ist Zeit das Nilufar kommt. Mein Mann ruft sie an und ich spreche mit ihr. Was das weiss ich nicht mehr. Ich finde du sollst jetzt kommen.

Nilufar kommt. Hallo, sie sagt ich ziehe mich um, das und das Ausbreiten der Arbeitskoffer bekomme ich nicht wirklich mit. Es gibt keine Irritation für mich. Sie ist da und das ist gut ich mache weiter. Sie setzt sich mir gegenüber. Schaut zu, ich muss mal nach deinem Baby schauen. Sie sucht mit dem Dopton die Herztöne. Sind sie laut gestellt und kann ich sie hören, ich weiss nicht.

In einer Wehenpause fragt sie mich ob sie mal schauen soll wie weit ich bin. Ich bin neugierig und sage ja. Ich stehe aus dem Wasser auf. Mein Mann und Nilufar trocknen mich ab. Ich lege mich aufs Sofa, Nilufar zieht mir die Wollsocken an. Sie schaut nach dem Muttermund. 5-6 cm ich freue mich. Es gibt Fotos wie Nilufar mir eine Fussmassage gibt, daran erinnern wir uns beide nicht mehr. Ist das eine Wehenpause gewesen? Ich kann mir nicht vorstellen, das ich die Wehen liegend ausgehalten hätte. Irgendwann stehe ich wohl wieder auf und verarbeite ein paar Wehen im Stehen. Mein Mann steht mit dem Rücken zu mir. In den Wehen hänge ich mich an ihn und in einer Pause lehne ich mich an, lege meine Arme in seine Arme ruh mich aus.

Mehr weiss ich nicht. Irgendwann geh ich wieder ins Wasser. Gleicher Aufbau wie vorher mein Mann hinter mir die Hände in meinem Rücken und Nilufar vor mir lächelnd und aufmerksam. Sie darf zuschauen. Sie darf mich anschauen. Ich mache weiter, meine innere Landschaft dieser Nacht ist wie ein langer weiter Raum. Ich bin mit großem Gleichmut erfüllt. Eine Wehe nach der anderen. Es ist nicht schlimm, es ist wie es ist. Mein Mann möchte auf Toilette, erst nach drei Wehen darf er und Nilufar übernimmt seinen Platz in meinem Rücken.

Wir tönen alle miteinander, Nilufar macht mit, mein Mann auch, dann hört er auch wieder auf. Am Ende des Tönens kommen weitere Geräusche aus meinem Mund, es sind tiefe Töne. Sie kommen aus dem Körper und ich könnte sie nicht wiederholen. Sie sind schwer zu beschreiben, es hat nichts mit Schreien zu tun, sondern mit Kraft.

Irgendwann sage ich zu Nilufar, jetzt könnte mal was passieren. Ich sage nicht ich habe keine Lust mehr, ich habe gelesen, das dieser Punkt bei vielen Frauen kommt, selbst in der Nacht denke ich das so. Jetzt sage ich etwas, obwohl ich auch noch stoisch so weitermachen könnte, aber vielleicht war es eben auch ein Impuls. Nilufar sagt ja das ist jetzt die Übergangsphase.

Ich merke das es nicht weitergeht oder ich sage es soll vorangehen. Und Nilufar sagt ja wir gehen mal an Land. Ich werde wieder liebevoll von beiden abgetrocknet und Nilufar zieht mir die Wollsocken an. Wir probieren den Vierfüssler aus ich lege meinen Kopf auf seine Beine. Das funktioniert irgendwie nicht. Dann gehe ich in die tiefe Hocke irgendwann sagt Nilufar, leg deine Hand mal dahin und da musst du hinpressen. Ach so denke ich, verstehe, da ist der Ausgang.

Jetzt sind die Wehenpausen länger geworden. Ich habe lange Pausen, in denen ich ruhig bin und warte und mich ausruhe. Dann kommt wieder eine Wehe und ich arbeite. Es dauert. Wir wechseln immer wieder die Positionen. Im stehen, auf dem Gebärhocker, in der tiefen Hocke, zwischendrin denke ich oha, ich werde respektvoll, das muss jetzt aber klappen, es macht mir keine Angst, aber ich finde es bemerkenswert, das es so lange dauert.

Willst du das Köpfchen fühlen. Ja will ich. Es ist weich und warm, ein bisschen lappig und es ist erst sowenig weit draussen, dafür wie viel Spannung es erzeugt. Nicht nur die Spannung im Becken sondern dieses Ziehen an den Schamlippen. Die Presswehen sind nicht so, wie ich sie erwartet habe, keine Urgewalt und etwas dem man nicht aus dem Weg gehen kann. Sie sind da, ich nutze sie und strenge mich an.

Irgendwann frage ich Nilufar, ich muss da jetzt mithelfen oder? Also alle meine Kraft reinlegen. Und Nilufar nickt. Ich stehe mal wieder und lege all meine Kraft in die nächste Wehe und dann ist der Kopf da. Das ist toll, aber die Pause bis zur nächsten Wehe ist endlos. Diesen Zustand mag ich nicht, aber irgendwann ist er vorbei. Das Kind ist im Stehen geboren. Nilufar hat sie aufgefangen und zwischen meine Beine gelegt. In dem Moment fühle ich erstmal nichts, ich setze mich nach hinten, die Erinnerung ist verschwommen ich kann nicht wirklich sagen war ich glücklich euphorisch, habe ich sie überhaupt richtig gesehen. Wie das Kind dann in meine Arme gekommen ist und ich aufs Sofa das weiss ich nicht mehr so richtig. Meine Tochter schreit, die meisten Baby schreien erstmal wenn sie da sind sagt Nilufar. Ich bin glücklich, ich finde es schwierig das Baby im Arm zu halten.

Nilufar lässt uns erstmal allein. Die Schwester sieht ihrem Bruder ganz ähnlich. Der Kopf ist langgezogen und die Augen sind dunkel und wach. Irgendwann fängt sie an zu saugen. Mein Mann kocht erstmal einen schönen Milchkaffee und ich möchte Schokolade. Ich bin so stolz sage ich, ich bin so stolz.

Nilufar guckt nach der Plazenta und fühlt an der Nabelschnur sie ist noch nicht gelöst. Irgendwann sagt sie, du musst jetzt noch mal auf den Geburtshocker. Ich sitze auf dem Hocker und puste in eine Flasche um Druck aufzubauen. Nilufar spritzt mir Oxytocin in den Arm. Es rührt sich nichts, ich habe auch keine Nachwehen. Dann stelle ich mich hin und stille mein Kind. Nilufar ist beeindruckt, das habe ich auch noch nie gesehen eine Frau die nach ihrer 10 Stunden Geburt im Stehen das Kind stillt. Irgendwann wird es mir zu bunt und ich möchte das das Baby abgenabelt wird. Mein Mann nimmt das Baby und Nilufar spritzt Oxcytocin in die Nabelschnur und dann nehme ich noch mal alle meine Kraft zusammen und presse die Plazenta hinaus. Es ist geschafft. Wir standen kurz vor der Verlegung. Nilufar näht noch vorsichtig und behutsam den Dammriss. Irgendwann kommt der Gang zu Dusche und da fange ich an zu weinen, die Spannung löst sich. Nilufar sagt du warst so schön heute Nacht. Danke Nilufar. Ich dusche und lege mich ins Bett.

Ich bekomme mein Baby. Nilufar macht die U1 wir sind beide überrascht, das sich das Mädchen doch alles ergaunert hat was sie kriegen konnte. 4870 gr bringt sie auf die Waage, 36 cm Kopfumfang und 54 cm länge. Nilufar verabschiedet sich und wir rufen die Familie an. Der Sohn und die Oma kommen und begrüßen das neue Familienmitglied.

Ich bin unglaublich erschöpft, aber auch wahnsinnig glücklich über die wunderschöne Geburt. Ich werde zwei Woche mit meinem nackten Baby im Bett liegen mich erholen.

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