Diana und Jacob

Hausgeburt nach Kaiserschnitt

Als sich unser zweites Kind ankündigte, wollte ich unbedingt eine Hausgeburt versuchen. Schon beim ersten Kind hatte ich mir das gewünscht, aber zwei Umzüge in der Schwangerschaft waren nicht die richtigen Voraussetzungen. Schließlich lief bei der Geburt im Krankenhaus dann auch noch alles schief und ich hatte nach 29 Stunden einen Kaiserschnitt. Auch mein Mann fand die Geburt im Krankenhaus nicht schön, so dass er mich ganz schnell bei meinem Vorhaben unterstützte, diesmal eine Hausgeburt zu versuchen. Gerade schwanger geworden machte ich mich dann auf, eine Hebamme zu finden. Die erste Kandidatin gefiel uns schon recht gut, sie teilte uns nach ein paar Wochen dann aber mit, dass sie aufgrund der neuen extrem hohen Haftpflichtversicherungsprämien doch erst einmal ein Sabbatjahr einlegt. Sehr enttäuscht suchten wir weiter und fanden Nilufar und Gabriele. Erst erschien es mir seltsam, zwei Hebammen zu haben und nicht zu wissen, welche die Geburt betreuen würde, denn ich wollte ja alles genau planen, um diesmal alles „richtig“ zu machen. Als ich die beiden aber in den ersten Gesprächen kennen gelernt hatte, wurden mir ganz schnell die Vorzüge klar. Ich habe es dann richtig genossen, die Vorsorgeuntersuchungen bei uns zu Hause machen zu lassen und nur zu den drei Ultraschalluntersuchungen zur Frauenärztin zu gehen. Es hat mich sehr entspannt, dass die beiden sich so viel Zeit gelassen haben und mit ihrer Ruhe und ihrer Empathie mir das Gefühl gegeben haben, richtig gut versorgt und betreut zu sein; eben nicht die klassische, klinische Betreuung zu haben, die immer eher die Risiken, Daten und Tabellen im Fokus hat, sondern eine Betreuung, die von dem natürlichen, dem normalen ausgeht und die Bedürfnisse der Familie in den Vordergrund stellt. In vielen meinen Auffassungen, was nötige und unnötige Untersuchungen angeht oder was wichtig bei einer Geburt ist, habe ich mich sehr gut verstanden und kompetent und neutral beraten gefühlt.

Auch wenn viele in meinem Umfeld es für unverantwortlich hielten, nach einem Kaiserschnitt eine Hausgeburt zu wagen, haben ich mich nicht beirren lassen und es gewagt. Auch wenn mir die beiden nicht versprechen konnten, dass es klappen würde, so haben sie mir vermittelt, dass wir das gemeinsam schaffen können und dass eine geplante Hausgeburt die besseren Chancen auf eine Spontangeburt hat.

Jakob, mein Mann, arbeitete viel zu Hause, konnte daher an viele Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen und auch die Hebammen kennenlernen, das war sehr schön. Der Tag X rückte allmählich näher, meine Examensarbeit war fertig, das Examen meines Mannes in der Tasche und wir fingen an, richtig zu entspannen. Das tat gut. Das zarte Kind in meinem Bauch fing auch an, noch kräftiger zu wachsen und Energie für die Geburt zu sammeln.

Wir rechneten alle damit, dass es unsere Mathilde eilig haben würde und vielleicht schon vor dem Termin raus möchte, aber nix passierte, der Termin verstrich und ich wurde nur runder. Langsam begann sich bei mir die Sorge anzukündigen, dass sie sich zu viel Zeit lassen würde und wir doch im Krankenhaus landen würden, aber Nilufar und Gabriele beruhigten uns und meinten wir hätten noch genug Zeit.

Über eine Woche später ging es dann los, als wir nachmittags gerade beim Einkaufen waren. Erst dachte ich, es seien Übungswehen, aber sie wurden schnell so stark, dass ich sie nicht verheimlichen konnte. Meine Schwiegereltern passten gerade zu Hause auf die Große auf. Da wir sie aber nicht nervös machen wollten, erzählten wir nichts und verabschiedeten sie nach dem Abendbrot. Ich wollte ganz schnell ins Bett, um mich noch auszuruhen und Kräfte zu sammeln, bis es losgeht. Sehr schnell kamen die Wehen aber alle 7, dann 5 Minuten und ich konnte einfach nicht einschlafen. Wir riefen Nilufar an, um ihr zu sagen, dass sie diese Nacht wahrscheinlich einen Anruf von uns bekommt. Auch bei Emma, hatte ich relativ schnell regelmäßige Wehen mit kürzeren Abständen, also wusste ich, dass es sicher länger dauern würde, bis es so richtig los geht. Lange war der Augenblick ersehnt, dass es losgehen soll, aber ein wenig mulmig wurde uns jetzt doch, es wurde ernst. Aus dem Schlafen wurde nichts, die Wehenabstände wurden immer dichter. Nachts um 1 Uhr kamen sie sogar alle zwei Minuten, Nilufar hörte sich das am Telefon an und sagte, die seien zwar dicht, aber noch nicht stark genug. Also veratmete ich weiter in der Badewanne, hing mich an das Tuch, das Jakob mir extra mit einem 14mm-Dübel an der Decke verankert hatte und kreiste auf dem Pezziball. Jakob wollte mich ständig dazu überreden auch zu schlafen, ich konnte aber nicht. Also schlief er erschöpft alleine auf einer Decke im Wohnzimmer ein und ich war sauer, dass er mir etwas vor schnarchte, aber helfen konnte er mir gerade irgendwie auch nicht. Auf dem Ball waren die Wehen recht gut auszuhalten, aber beim Gehen oder Stehen tat es tierisch weh und ich wollte doch eigentlich so viel wie möglich laufen, damit das Kind besser ins Becken kommt… Irgendwann in der Nacht als Jakob völlig hilflos nur zugucken konnte, weil ihm die Ideen ausgingen, fühlte ich mich überfordert und wir riefen Nilufar an, die sich sofart auf den Weg machte. Ihr erster Eindruck war optimistisch, dass es bald richtig losgehen würde. Und als Emma (2 ½) aufwachte, die es als völlig normal empfand, dass ich keuchte und tönte, meinte Nilufar, dass sie vielleicht schnell in die Krippe sollte, damit Jakob Zeit hat, wenn das Kind kommt. Wir hatten uns dagegen entschieden noch eine Betreuungsperson während der Geburt dabei zu haben, da uns unsere Wohnung dafür zu klein schien. Wir hatten die Hoffnung, dass das Baby kommt, wenn Emma schläft oder im Kindergarten ist. Also gingen die beiden los. Nilufar war ein Segen. Sie gab mir viel Kraft und Energie und sorgte mit einer unglaublich tollen Fußmassage für guten Bodenkontakt. Die nächste Muttermunduntersuchung allerdings war frustrierend, es hatte sich nicht wirklich viel getan. Aus dem bald ersehnten Finale wurde ein nicht enden wollender langatmiger Zeitraum. Nilufar packte einen Trick nach dem anderen aus ihrer Hebammenkiste aus, aber es gab das gleiche auf und ab, die gleiche Stagnation wie schon bei Emmas Geburt. Mittlerweile war es schon längst Mittag. Völlig entmutigt war ich kurz davor aufzugeben, wenn nicht Nilufar noch einen Trick in petto gehabt hätte. In einer ziemlich unangenehmen Position gelagert – einer Verrenkung gleich – veratmete ich einige Wehen, als auf einmal der Durchbruch kam. Mathilde war im Becken, ich hatte das Gefühl wieder Kraft zu haben. Doch leider stagnierte es dann nach einiger Zeit schon wieder und ich war wieder demoralisiert. Wir wussten, dass Mathilde vor Ende der KiTa Zeit wohl nicht raus kommen würde oder ich eventuell ins Krankenhaus muss. Also rief Jakob seine Mutter an und bat sie, Emma aus der Kinderkrippe abzuholen. Als Nilufar sich dann für eine Strategieplanung zurückzog und ich auf Jakobs Schoß saß, war ich sehr verzweifelt. All die Schinderei und Kraftanstrengung und es soll wieder nicht klappen? Ich spür dich doch, Mathilde, du bist kurz vorm Ziel, Du kommst da jetzt gefälligst raus, hilf mit, wir freuen uns auf Dich! Als Nilufar wieder ins Zimmer kam, schrie sie beinahe auf, sie sagte: „Mensch, da lass ich Euch kurz alleine und dann kommt das Baby.“ Die Fruchtblase war auf einmal gut zu sehen und spüren. Dann kamen noch ein paar Wehen und ich verpasste der vor mir knienden Nilufar eine prächtige Dusche dank einer unter einer Wehe geplatzten Fruchtblase. Dann ging gefühlt alles auf einmal ganz schnell. Ich wechselte unter Nilufars Anleitung noch einmal die Position und die Austreibungsphase kam zu ihrem Höhepunkt. Kurzzeitig dachte ich, ne, du willst doch nicht, dass das Kind da unten raus kommt, das tut so weh, ich will nicht zerreißen und platzen oder sonst was. Aber Nilufar in ihrer unsagbaren Ruhe und Stärke beruhigte mich wieder einmal und sagte, dass alles gut sei, dass es sich nur eben so anfühle, als würde man eine Wassermelone zur Welt bringen. Als ich Mathildes Härchen spürte und auf einmal der Kopf da war, schlug mein Herz schneller. Und da hörte ich ein quieken und spürte ein Wackeln zwischen meinen Beinen. Damit hatten wir nun gar nicht gerechnet. Da war doch erst der Kopf da. Wir lachten alle herzlich. Das Kind, das ich monatelang unter meinem Herzen getragen hatte und schon ein wenig kennen gelernt hatte, wurde auf einmal so konkret, so greifbar. Es teilte sich uns nun auf eine neue Wiese mit, es machte Geräusche. Und zwei Wehen später um 15.07 Uhr, lag sie unter mir. Ich traute mich kaum sie anzufassen. Wir waren von Ehrfurcht ergriffen. Und da hielten wir dieses kleine Wesen, dieses Wunder in unseren Armen und sie trank auch gleich an der Brust. Alle Strapazen waren fast vergessen. Wie schön es war, jetzt zu Hause zu sein. Nilufar versorgte uns und ließ uns immer wieder allein. Diese ungestörte Ruhe war ein Geschenk, Nilufar gehörte irgendwie in dem Moment zur Familie und wir waren so entspannt und ruhig, weil wir wussten, dass nicht jeden Augenblick irgendjemand zur Tür rein kommen kann oder nach einem sehen will. Jetzt fehlte nur noch Emma, aber Nilufar wollte noch das „Schlachtfeld“ beseitigen, bevor sie kommt. Als Emma nun endlich kam, neugierig und stolz ihre kleine Schwester betrachtete und sich zu uns kuschelte, war alles perfekt. Wir hatten es gemeinsam geschafft.

Nilufar verabschiedete sich dann irgendwann bis zum nächsten Morgen und wir waren auf uns gestellt und das fühlte sich normal und richtig an. Die Wochenbettbetreuung war klasse, auch wenn wir beim zweiten Kind noch vieles wussten, so gab es doch immer wieder mal Fragen und Unsicherheiten. Und die mahnenden Worte einer Hebamme, mich zu schonen waren auch effektiver, als die meines Mannes. Die Besuche von Nilufar oder Gabriele machten auch einfach immer Freude und gaben Sicherheit. Die frühen kleinen Rückbildungs- und Vorbeugungsübungen waren sehr hilfreich und beeindruckten auch Emma, die fleißig mit mir mit übte.

Als wir Nilufar dann nach dem Abschlussgespräch verabschieden mussten, waren wir irgendwie traurig, dass die Zeit vorbei ist. Wir sind nun wieder umgezogen, diesmal auf Land und wir hoffen, dass Nilufar – sollte sich ein drittes Kind ankündigen – sich die Fahrerei antut und unsere Geburt wieder betreuen kann. Danke Dir noch einmal von ganzem Herzen.

 

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